|
Aus
der Reihe «Ästhetisierung
des Alltags»
Andrew
Holmes,
Architekt
Vortrag:
Fr 25 November 2005, 20 Uhr
Moderation: Anja Reincke
Die
Ästhetisierung der Nacht
"... und in einem Meer von Dunst- und Schattenschichten
beginnen die bunten Lichter ihr ewiges Spiel.
Ihre Farben und ihre Lichtstärken sind sehr verschieden.
Das Grün und Gelbweiß des Gasglühlichts, das milde
Blau der gewöhnlichen Bogenlampe, die roten und
orange Farben des Bremerlichts und der neuen Art
der Bogenlampe, das Rot und Weiß der Glühlampen
und der neuen Metallfadenlampen. Dazu das Dunkelrot
und Grün der Signallampen. Jede Strasse bietet
neue Verteilung und Kontraste.
Wunderbar ruhig und groß, eine breite Straße,
wie die Hardenbergstraße, nur zwei Reihen bläulicher
Bogenlampen, die ganze leichtgebrochene Straße
im klaren, vollen Licht ohne Unterbrechung durch
das Geschrei der Geschäftsbeleuchtung.
...Anders ist das Licht in den engeren Straßen,
... aus den langen Ladenreihen bricht buntes Licht
in dichtem Gewühl hervor, so dass die Menschen
wie schwarze Schatten wirken. Die Häuser scheinen
in der Luft zu schweben, und unter ihnen, wie
aus aufgesperrten Mäulern, quillt die gleißende
Lichtflut hervor."
August
Endell hatte vor ziemlich genau 100 Jahren das
Auge und die Gabe das Nachtszenario zu beschreiben.
Es hat sich bis auf die Typologien der Leuchten
seither gar nicht so viel verändert. Nachtbilder
waren damals noch klarer als heute. Heute gibt
es wesentlich mehr Leuchten und mehr Mitspieler.
Durch die zunehmenden Eigeninteressen, der Vielzahl
an Fahrzeugen und dem generellen Unbewusstsein
in Sachen Licht sind Städte bei Nacht in der Regel
ein visuelles Chaos, bestehend aus unterschiedlichen
Lichtpunkten, Lichtflächen und Lichtfarben. Zwischendrin,
wie durch Zufall, ist auch manchmal ein ganzes
Gebäude bei Nacht erkennbar.
Licht im Außenraum hat keine hohen gestalterischen
Prioritäten. Es hat da zu sein. Wer weiß eigentlich
spontan wie das öffentliche Licht vor seiner Haustüre
aussieht? - nicht die Leuchte - das Licht. Allein
zu wissen, wie die Leuchte aussieht ist auch nicht
schlecht. Aber - wer kann sein nächtliches Umfeld
beschreiben? Was sieht man, was nicht? - wobei
das "nicht" schon den meisten leichter fällt.
Gehen
wir mal einen Schritt zurück. Das alte Rom war
bei Nacht gar nicht beleuchtet, wenn dann nur
durch Fackelträger, die einen durch die Nacht
von Ort zu Ort begleitet haben. Las Vegas, zumindest
das kommerzielle Zentrum wurde in den letzten
70 Jahren sukzessiv um Licht herum gebaut, genauso
jetzt jüngst erst wieder der Times Square in New
York. Times
Square ist Disney, und die verstehen was von Illusion.
Rechnen tun sich Illusionen dieser Größe nur in
einem sehr großen Rahmen - eben Times Square und
42nd Street. Früher wurden noch der Place Pigalle
und Picadilly Circus mit dem Times Square in einem
Atemzug genannt. Das sind inzwischen ganz andere
Ligen.
New York ist heller als London und viel heller
als Berlin. Wer viel reist und darauf achtet weiß
das, aber das war schon so im späten 19. Jahrhundert
und hat sich seitdem nicht verändert. Viele Amerikaner
fürchten sich in Deutschland, weil es dunkel wirkt.
Ist es dunkler, oder ist in Amerika die Lichtqualität
besser? - Es ist dunkler.
In Athen beginnt die zur Olympiade 2002 aufgelegte
Lichtschminke stark zu bröckeln. Viele sich-durch-Licht-Anhübscher
schreien noch und zwar rücksichtslos. Die Akropolis
aber sieht bei Nacht gut aus - und das bleibt
hoffentlich so. Rom ist heute so behutsam beleuchtet,
dass man kaum wahrnimmt, dass da überhaupt was
beleuchtet ist (in diesem Fall Denkmalschutz sei
dank). Las Vegas baut immer noch um immer mehr
Licht; und Berlin gilt nach wie vor als dunkel;
45 000 von 180 000 Laternen der Hauptstadt sind
immer noch Gaslaternen - und das spürt man. Und
durch den gestaltenden Einfluss des Disney Konzern
auf die Nacht am Times Square, ist dieser wohl
die best kontrollierte "chaotische" Lichtillusion
der Welt.
Jede
Stadt hat ihre eigene Nachtgestalt, die mal mehr
oder weniger zufällig entstanden ist. Programme
jenseits der reinen Funktionalität dafür gab und
gibt es selten. Fast alle Städte haben in Sachen
Nachtgestalt Handlungsbedarf. Die Defizite liegen
nicht in der Funktionalität sondern in der nächtlichen
Darstellung, Wahrnehm- und Lesbarkeit der städtischen
Substanz. Die Nachtcharaktere der Städte sind
das Resultat unterschiedlicher Entwicklungen mit
unterschiedlichen treibenden Kräften. Und noch
weiß man immer noch nicht genau, wie eine solche
Nachtgestalt zustande kommt, bzw. wie man dem
Chaos gegensteuern kann, es gibt zaghafte Ansätze.
Dunkel sind die Städte nicht mehr - meistens sogar
zu hell, so hell, dass man nichts mehr sieht.
Oft sieht man nur noch Licht als Kakophonie visueller
Reize. Dies hat wenig mit Nachtraum oder Nachtgestalt
zu tun. Um überhaupt das Nachtbild einer Stadt
zu erhalten, bedarf es eines bewussten und kontrollierten
Zusammenwirkens zwischen Gestaltung und Funktion.
Nur so schaffen wir eine Ästhetisierung der Nachtstadt.
>Infos
zu Andrew Holmes
|